Zurück zur Blog-Übersicht

Selbstständig in der Pflege – wie funktioniert das Herbergier-Franchise konkret?

Denise Ni (aktualisiert am )

Die Niederlande liefern seit Jahren spannende Impulse dafür, wie Pflege anders organisiert werden kann. Innovative Konzepte wie Buurtzorg setzen beispielsweise auf kleine, eigenverantwortliche Teams, wenig Hierarchie und eine starke Beziehung zu den Menschen, die sie versorgen. Wie sich die Pflege in den Niederlanden von Deutschland unterscheidet, haben wir bereits in unserem Interview zur Pflege in den Niederlanden beleuchtet.

Mit Herbergier soll nun ein weiteres niederländisches Pflegekonzept in Deutschland wachsen: eine kleinteilige Wohnform für Menschen mit Demenz, die von einem Gastgeberpaar als eigenes Unternehmen im Franchise-System geführt wird.

Hinter der deutschen Einführung steht Dr. Sabine Becker-Klunder. Im Interview sprechen wir mit ihr über das besondere Pflegeverständnis von Herbergier, den Alltag als Gastgeberpaar und die Möglichkeiten, sich mit dem niederländischen Franchise-Konzept in der Pflege selbstständig zu machen.

Frau Dr. Becker-Klunder, bevor wir über das Franchise sprechen: Was genau ist ein Herbergier und was unterscheidet das Konzept von klassischen Pflegeeinrichtungen oder Demenz-Wohngemeinschaften in Deutschland?

Ein Herbergier ist eine Wohngruppe für Menschen mit dementiellen Veränderungen. In Deutschland werden wir zu den anbieterverantworteten Wohngruppen gezählt.

Aber hier beginnt schon der erste Unterschied – wird in Deutschland die Wohngruppe von einem externen Pflegedienst betreut, so ist in einem Herbergier der Pflegedienst in dem Haus begründet. Ein Unternehmerpaar wohnt hier – in einer separaten Wohnung – gemeinsam mit den Bewohnenden und sie melden den Pflegedienst an und führen das Haus zusammen mit den Mitarbeitenden.

Wie das Herbergier-Konzept in der Praxis aussieht, zeigt das folgende Video:

Auf Ihrer Website beschreiben Sie Herbergier als ein „warmes und liebevolles Zuhause für Menschen mit Gedächtnisschwäche“. Was steckt hinter dieser Formulierung und welche Haltung gegenüber den Bewohnerinnen und Bewohnern kommt darin zum Ausdruck?

Unser größtes Ziel bei jedem Herbergier ist das Gefühl, dass die Bewohnenden sich zu Hause fühlen – hier gehöre ich hin. Das kommt durch unterschiedliche Dinge zum Ausdruck. Die Lage eines Herbergier ist immer zentral in einem Ort gelegen, die Familien gestalten zusammen mit den Betroffenen die unterschiedlich geschnittenen Zimmer, Häuslichkeit steht zentral. Für uns ist das ein wesentlicher Teil der Wertschätzung gegenüber den Menschen.

Den wertschätzenden Umgang mit den Bewohnenden nennen auch viele andere Anbieter. Ich habe mich auch immer wieder gefragt, was denn der große Unterschied nun ist. Warum fühlen sich die Menschen im Herbergier eher zu Hause. Wenn Sie sich das Bild ansehen, welches ich Ihnen mitgebracht habe – Sie sehen niemanden stehen.

In einer Wohngruppe, die ich in Deutschland natürlich besucht habe, gibt es zwei Gruppen in der WG – die Bewohnenden sitzen – am Tisch, auf dem Sofa, irgendwo – und es gibt die Mitarbeitenden, die laufen, bedienen, bereiten vor.

Wenn zu Hause die Mutter gekocht hat, dann setzt sie sich am Ende aber mit der Familie an den Tisch und isst gemeinsam. Gemeinsam sitzen ist Teil der Arbeit – und verändert dann auch die Perspektive der Mitarbeitenden. Immer mit dem Ziel, dass der wertschätzende Umgang mit den Bewohnenden durch die Ansprache „auf Augenhöhe“ deutlich wird.

 

Ihr Pflegekonzept orientiert sich unter anderem am Relationship-Centered-Care-Ansatz und am Erhalt der sozialen Identität des Menschen. Was bedeutet das konkret für den Alltag in einem Herbergier?

Nolan hat den Person-zentrierten Ansatz von Tom Kidwood gerade für dementiell veränderte Menschen dahingehend weiterentwickelt, dass er betont, wie wesentlich Beziehungspflege gerade für die Menschen ist. Das wird ja auch in dem Expertenstandart Demenz deutlich, der die Beziehungsgestaltung in das Zentrum rückt. Hier folge ich auch Professor Lademann, die die Fähigkeit zur guten Beziehungsarbeit als eine hoch komplexe und professionelle Handlung definiert.

In den Niederlanden arbeiten Expertinnen und Experten für dementielle Veränderung zudem auch nach dem Handlungsansatz „sociale benadering“ von der Wissenschaftlerin Anne-Mei The. Sie betont die diversen sozialen Rollen, die jeder Mensch innehat: Bruder, Onkel, Nachbar, Chormitglied, Skatfreund. Durch ausreichend Mitarbeitende werden die Bewohnenden im Herbergier unterstützt, ermutigt, begleitet, um gerade diese noch bestehenden Kontakt aufrecht zu erhalten. Z. B. wird ein Bewohner begleitet, um zur Kirche zu gehen oder in den Chor, in dem er seit Jahren gesungen hat.

Sie suchen keine einzelnen Franchisenehmer, sondern Gastgeberpaare. Für wen eignet sich dieses Modell und welche fachlichen und persönlichen Voraussetzungen müssen die beiden Partner jeweils mitbringen?

Ja, in der Tat haben wir gute Erfahrungen in den Niederlanden gesammelt, um mit Lebenspartnern einen Herbergier zu besetzten. Einer von beiden muss originär aus der Pflege kommen, denn nur als PDL kann ich einen ambulanten Pflegedienst gründen – und dies ist nun mal die Voraussetzung bei den Krankenkassen.

Die PDL-Weiterbildung muss dabei nicht von Anfang an vorliegen – sie lässt sich in den anderthalb Jahren bis zur Eröffnung erwerben. Eine angestellte PDL ist nach Möglichkeit nicht vorgesehen, die Qualifikation sollte bei einem der beiden Gastgeber selbst liegen.

Der Partner oder die Partnerin kann aus allen Bereichen kommen, muss sich aber natürlich mit der Zielgruppe der Bewohnenden identifizieren können. Managementerfahrung ist von Vorteil, aber unsere Gastgeberpaare in den Niederlanden sind bunt gemischt.

Was wir merken, ist dass diejenigen zu uns kommen, die in der regulären Pflege an ihre Grenzen stoßen, schon vieles mitgemacht haben, sich im Moment in einem Korsett eingeschnürt fühlen und nun Ihre Idee von guter individueller Pflege realisieren wollen – und genau dann sind sie bei uns richtig.

Die Gastgeber führen nicht nur das Unternehmen, sondern leben auch direkt am Herbergier. Wie sieht der Alltag aus und wie lassen sich Unternehmertum, Pflege, Partnerschaft und Privatleben miteinander vereinbaren?

Wir haben in den Niederlanden viele Familien als Gastgeber – die Kinder rennen dann im Herbergier herum und die Stimmung steigt. Nein zurück zu der Frage – sie ist wirklich berechtigt. Es ist eine große Herausforderung, alles unter einen Hut zu bekommen. Wir versuchen hier gut zu unterstützen. Baulich ist es wichtig, dass das Unternehmerpaar einen eigenen Eingang hat. Die Wohnung ist im Gebäudekomplex, aber getrennt.

Dann arbeiten wir mit Coaches, die die Unternehmerpaare begleiten. Hier wird immer wieder besprochen, wie eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatem gehalten werden kann. Wir als Franchisegeber bei der Dachorganisation DDN International unterstützen zudem in allen pflegefernen Themen wie Finanzierung, Abrechnung, Weiterbildung, Qualitätsmanagement, so dass für die eigentliche Beziehungsarbeit ausreichend Kraft und Zeit bleibt.

Und der Alltag? Sie leben gemeinsam, der Eine macht Frühstück, die Kinder gehen zur Schule, sie selber gehen zum Sport, sie bestellen die Einkäufe und kommen mit Bewohnenden und An- und Zugehörigen ins Gespräch. Fallbesprechungen bestimmen den Alltag, die Organisation der Mitarbeitenden wird geregelt, sie machen Abrechnungen und gehen dann wieder zum Kaffee trinken. Es ist ein ganz normales Familienleben – mit ganz vielen Mitmenschen dabei. 😊

Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitende sitzen gemeinsam am Esstisch einer Herbergier-Wohngruppe

Was macht die Selbstständigkeit mit Herbergier aus Ihrer Sicht besonders attraktiv – gerade für erfahrene Pflegekräfte, die bisher in klassischen Pflegeeinrichtungen arbeiten?

Ich hatte es oben schon einmal kurz angedeutet – in den klassischen Pflegeeinrichtungen ist man oft gefangen in Vorgaben, erfahrenen Grenzen, Unfreiheit. Im Herbergier kann ich meine Vision von guter Pflege umsetzen, selbst gestalten, mich selbst entwickeln – bei gleichzeitiger Nutzung eines gesetzten Rahmens, der mir Sicherheit gibt. Ich bin Experte in den Dingen, die ich gut kann – der Pflege und Betreuung von Menschen mit Gedächtnisschwäche und kann mich hier selbst verwirklichen.

Wie läuft der Weg vom ersten Kennenlernen bis zur Eröffnung eines eigenen Herbergiers konkret ab?

Hier bei CareRockets sehe ich, dass wir ein wenig anders sind. Wir suchen Menschen, die sich selbstständig machen möchten. Dabei sehen wir als einen Erfolgsfaktor, dass die zukünftigen Gastgeber sich selbst gut kennen und die zuvor erwähnte Grundhaltung den Betroffenen gegenüber leben können. Dabei unterstützen wir sie.

In einem dreistufigen Auswahlverfahren werden die Unternehmerinnen und Unternehmer uns kennenlernen. Danach folgt ein Schulungsprogramm, um die Gastgeber auf die Selbstständigkeit vorzubereiten. In der Regel findet der Erstkontakt anderthalb Jahre vor der Eröffnung eines Herbergier statt.

Welche Unterstützung erhalten die Gastgeberpaare von DDN beim Aufbau und im laufenden Betrieb ihres Herbergiers?

Die zukünftigen Unternehmen werden in dem gesamten Prozess begleitet. Als Mieter der Immobilie tragen sie nur begrenzt finanzielles Risiko. Der Franchisegeber DDN International kümmert sich um die Sicherung für die Investoren. Auch hier wird das Risiko verlegt. In allen betriebswirtschaftlichen Fragen haben wir Expertinnen und Experten in unserem Haus oder auch extern, so dass die Gastgeber vor keinen Überraschungen zu stehen kommen.

Auch in der Rekrutierungsphase der Bewohnenden oder Mitarbeitenden können die zukünftigen Gastgeber auf die Expertise, Erfahrungen und Materialien von DDN zurückgreifen. Ich erfahre immer wieder, dass DDN seine Aufgabe als Franchisegeber sehr ernst nimmt. Nicht umsonst haben wir circa 30 Mitarbeitende in Amsterdam für zurzeit circa 185 Häusern, davon 60 Herbergier.

Sie möchten in den kommenden Jahren zunächst fünf Herbergier-Standorte in NRW aufbauen. In welchen Regionen suchen Sie aktuell konkret Gastgeberpaare und was sollte jemand tun, der nach diesem Interview denkt: Das könnte zu uns passen?

Ja, wir haben uns zunächst für ein Bundesland entschieden, da jedes Bundesland unterschiedliche Gesetzgebungen hat. Allerdings müssen wir auch mehrere Standorte haben, da ja die Gastgeber auch mal in Urlaub fahren möchten und dann kann der Nachbargastgeber – neben dem Team der Mitarbeitenden – die Aufgaben übernehmen.

Zurück zu Ihrer Frage, wir eröffnen den ersten Standort in Recklinghausen (geplante Eröffnung Mitte 2028), sind in Gespräch mit Duisburg, haben eine Option in der StädteRegion Aachen und eine südlich von Wuppertal – Sie sehen, ich bin fleißig und freue mich so darauf, für all diese schönen Optionen engagierte Menschen zu finden.

Was Sie tun müssen? Kommen Sie einfach mit mir ins Gespräch. Zurzeit bin ich für Deutschland noch allein verantwortlich, aber Sie können sich auch gerne an DDN wenden. Auf unserer Internetseite herbergier.de finden Sie die Kontaktmöglichkeiten – ich freue mich auf Sie.


Du kannst dir vorstellen, selbst Herbergier-Gastgeber zu werden?

Dann lerne das Konzept und die Möglichkeiten einer Franchise-Partnerschaft näher kennen. Herbergier lädt Interessierte zu einem Webinar ein. Weitere Informationen zum Unternehmen findest du außerdem im Herbergier-Unternehmensprofil auf Care Rockets.


Über die Interviewpartnerin

Dr. Sabine Becker-Klunder, Ländermanagerin Deutschland bei DDN-Franchise und Ansprechpartnerin für Herbergier

Dr. Sabine Becker-Klunder

Ländermanagerin Deutschland | DDN-Franchise

Dr. Sabine Becker-Klunder begleitet die Einführung des niederländischen Herbergier-Konzepts in Deutschland. Als Ländermanagerin ist sie Ansprechpartnerin für Interessierte, die sich als Gastgeberpaar mit einem eigenen Herbergier selbstständig machen möchten.

Mehr über Herbergier erfahren